Quelle – der Katalog und das Internet
Der Handel befindet sich im Umbruch. Online-Händler und Nischenanbieter gehören zu den Gewinnern.
Diesen Satz schrieb Jochen Krisch als ersten Artikel in seinem Exciting-Commerce-Blog am 27. Mai 2005 (!). Heute – 4-einhalb Jahre später – ist der Umbruch als Beben für jeden spürbar: Quelle wird abgewickelt. Der einst größte deutsche Versandhändler Quelle verschwindet am 20. Oktober 2009 von der Bildfläche.
Die Pleite ist der letzte Beleg: Die deutschen Katalog-Versender sind in einem katastrophalen Zustand. In keinem der von Krisch genannten Gewinnermärkte hat sich der deutsche Versandhandel etabliert. Die jahrelange Dominanz in Größe und Umsatz blockierte Innovatoren mit neuen Geschäftsmodellen – in den eigenen Häusern und auf dem Markt. Stattdessen krempeln kreative Zerstörer aus dem Ausland den E-Commerce um, z.B. Amazon, QVC oder Vente-Privée.
Der dahinterliegende Mechanismus ist für den deutschen Versandhandel das Fatale: Auf der einen Seite vereinigen die Ottos und Neckermänner enorm viele Besucher und Umsätze auf ihren Internetplattformen. Somit lässt sich mit Fug und Recht behaupten: “Wir sind die größten Online-Shops in Deutschland”. Auf der anderen Seite kennt die Profitabilitätskurve seit Jahren nur eine Richtung: Steil bergab! Das liegt an dem Cash-Burner “Katalog” – der Quelle auch letztendlich in den Ruin getrieben hat. Wo liegt das Erkenntnis-Problem des deutschen Versandhandels?
Die Macher verabschieden sich nicht konsequent genug von den verkrusteten Strukturen hinter dem Auslaufmodell “Katalog”! Natürlich hat das kataloggetriebene Geschäft Quelle, Otto und Neckermann erst groß gemacht. Aber die Strukturen des Kataloggeschäfts – z.B. in Einkauf und Logistik – sind Gift für das Erobern der Gewinnermärkte. Erschwerend kommt hinzu, dass die halbherzigen Versuche eigener neuer Geschäftsmodelle nur einen verschwindend geringen Umsatz- und de facto keinen Ergebnis-Anteil auf sich vereinen. Das ist Wasser auf die Mühlen der Bewahrer und Verhinderer: Sie stampfen diese Modelle sang- und klanglos wieder ein oder lassen sie als Innovations-Feigenblätter (”Spin-Offs”) ohne strategischen Bezug für das Gesamtunternehmen weiter laufen. Durch dieses Vorgehen vergrault man Talente und Innovatoren die das mitbringen, was man dringend benötigt: Online-Vertriebskompetenz.
Die Branche scheint nicht mehr in der Lage sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Dies zeigt nicht zuletzt das Motto und die Gespräche des Versandhandelskongresses: “Online führt – wie kann das sein?” (so eine Headline im Branchenblatt “Der Versandhausberater“). Wer 2009 (statt 2005!) diese Frage stellt, hat nicht das richtige Mindset um aus dieser Krise gestärkt hervorzugehen.
Absolut berechtigt tituliert der Otto-Vizevorstand Dr. Hillebrand die versammelten Versandhäuser als “Gala der Dinosaurier” und fordert sie auf die “Erfahrungsgefängnisse” zugunsten von “mehr Trial and Error” zu verlassen (Quelle).
Ein Dinosaurier kann sich nicht alleine retten – er braucht Impulse von Außen. Dies kann über Beratung passieren oder über Mergers/Akquisitionen. Aber es muss schnell passieren und tiefgreifend!
Denn der Markt ist drauf und dran das Problem der klassischen Versender auf die harte Tour selbst zu lösen. Wie die FAZ richtig herausarbeitet, wird Otto, Neckermann & Co nicht nur von den Internet Pure Playern wie Amazon in die Mangel genommen. Auch die Spezialanbieter wie Globetrotter oder Conrad Electronic machen mit ihrem tiefen Zielgruppenverständnis den Warenhaus-Katalogversendern Druck.
Dass alle diese Anbieter auf den Markt drängen zeigt eindrucksvoll: Der Wachstumstrend im deutschen Distanzgeschäft ist intakt! Auch ein Blick auf die Umsatzzahlen und Prognosen bestätigt diese Einschätzung, z.B. die Zahlen von excitingcommerce. Umso erschreckender dass die großen Versandhändler seit Jahren mit massiven Problemen zu kämpfen haben. Neben der eigenen Ineffizienz fehlt vor allem die strategische Power um das Ruder herum zu reißen. Schade, denn die Branche des deutschen Distanzhandels ist spannender und expansionsfreudiger denn je!
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